Guten Morgen, Genosse Elefant (Christopher Wilson)

Buchbesprechung, Rezension zu Guten Morgen, Genosse Elefant (Christopher Wilson)

Auf der #LBC19 – in einem Workshop vom KiWi-Verlag – wurde ich neben einigen anderen Büchern auch auf dieses ungewöhnliche Buch aufmerksam gemacht. Guten Morgen, Genosse Elefant (Christopher Wilson)  Die Lektorin brannte regelrecht für diese Geschichte, die im Buchhandel aber irgendwie untergegangen ist und nicht so recht seinen Weg zum Leser fand. Im späteren Gespräch mit unserer lieben Anja, stellte sich sogar heraus, dass sie dieses Buch sogar schon gelesen hatte – und mehr als nur angetan war.
Meine Neugierde war also geweckt und so lernte auch ich Juri und seine ungewöhnliche Geschichte kennen.

Der rührendste Romanheld aller Zeiten.

Die lustige, traurige, spannende, lehrreiche, herzzerreißende Geschichte von Juri Zipit, der ein paar Wochen in Stalins Datscha verbringt und sein Vorkoster Erster Klasse wird. »Mein Name ist Juri Zipit. Ich bin zwölfeinhalb Jahre alt und lebe in einer Personalwohnung im Hauptstadtzoo gleich gegenüber vom Seelöwenteich hinter der Bisonweide, direkt neben dem Elefantengehege. Mein Papa ist Doktor Roman Alexandrowitsch Zipit, Professor für Veterinärmedizin, Fachgebiet Neurologie der Großhirnrinde, also ein Spezialist für alles, was im Kopf der Tiere schiefgehen kann. Als ich sechseinviertel Jahre alt war, passierte mir das größte Pech. Ein Milchwagen ist von hinten in mich reingerumst. Hat mich durch die Luft gepfeffert, bis ich auf den Boden geknallt bin, kopfvoran aufs Kopfsteinpflaster. Dann kam hinterrücks die Straßenbahn und ist über mich rüber. So was hinterlässt einen bleibenden Eindruck.Ich möchte Ihnen erzählen, wie ich einmal ein paar Wochen im Zentrum der Macht verbracht habe. Es waren höchst vertrauliche Angelegenheiten und dubiose Ereignisse, die zu düsteren Geschehnissen führten. Geheimnisse versteckt in der Geschichte. Ich baue auf Ihr Schweigen. Außerdem will ich Sie beschützen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Also, psssst.« (Quelle: kiwi-verlag.de)

Juri ist eine recht ungewöhnliche Figur, ein zwölfjähriger Junge, der seit einem Unfall einen Schaden am Hirn hat und seither Furcht, Angst oder Gefahr nicht mehr wahrnehmen und als solche erkennen kann. Ein Defizit, der in einer Zeit, wo man für “Nichts” in Arbeitslager verbracht, gefoltert oder gar getötet wurde, an einem Ort, wo selbst die Wände “Ohren” haben und jedes unbedachte Wort mehr als nur gefährlich ist.
Denn Juri spricht alles was er denkt oder fühlt aus…ohne dies irgendwie zu lenken oder zu filtern. Durch seine Augen erleben wir einen ungefilterten Blick hinter die Kulissen der eisernen Diktatur Stalins. Sind Zeuge vom Lug, Trug und Paranoia. Verfolgen das beständige Spiel um Macht und Stellung mit und laben uns am Durst nach ebenjener.

Dabei bedient sich der Autor manch tierischem Vergleich. Vergleicht das Gebaren der Politiker und “hohen Tiere” mit dem von Wölfen und tollwütigen Hyänen, während der “Stählerne” stets mit einem Bären oder Elefanten gleichgesetzt wird. Dabei wird schnell klar, dass so manches Tier wahrlich menschlicher wäre als diese mächtigen Männer es wohl je waren.

Eine wirklich interessante Geschichte, die in einem gänzlich unaufgeregten und entschleunigten Stil erzählt wird. Dabei aber nie langweilig oder langatmig wäre. Beständig passiert was neues…obwohl eigentlich nichts passiert. Vielmehr passiert alles zwischen den Zeilen und im Kopf des Lesers, als in der Geschichte selbst.
Beispiel: Juri beobachtet wie zwei Personen in den Wald gehen….hört einen Schuss (den er einem Jäger zuordnet) und nur einer der beiden Personen kommt zurück. Juri meint lediglich die fehlende Person mache eine Wanderung…während dem Leser etwas anderes klar ist.
Solche und viele andere Szenen bringen den Leser ins grübeln.
Was ist in einer Welt des Ungewöhnlicher, einer Welt voller Gewalt und Angst normal und unnormal. Vieles, was für uns unnormal erscheint, wirkt auf Juri gänzlich normal und alltäglich…weil er es schlicht nicht anders kennt. Und wie verhält es sich mit der Liebe? Was ist Liebe? Und ist der Mensch ein Individuum oder doch letztendlich jeder entbehrlich?

Eine klare Leseempfehlung für jene, die Geschichte auch zwischen den Zeilen erleben möchten, und einen unverfälschten Blick hinter dem großen Ganzen werden wollen.
Guten Morgen, Genosse Elefant (Christopher Wilson) Bekommt 4,75 von 5 Sternen.

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Erscheinungstermin: 16.08.2018
272 Seiten
ISBN: 978-3-462-05076-9

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