Rezension: Die Feuerheilerin von Ursula Neeb

 

(c) Ullstein


Oktober 1596: Das Antoniusfeuer breitet sich wie eine Epidemie aus. Auch die Heilerin Lovenita Metz, die mit ihrer Tochter zur Frankfurter Herbstmesse reist, ist besorgt. Auf der Messe trifft sie den sogenannten Propheten Albinus Mollerus, den Vater ihrer Tochter, der die Ängste schürt, indem er den Weltuntergang voraussagt. Er beschuldigt Lovenita, für den Ausbruch des Antoniusfeuers verantwortlich zu sein. Da taucht der Stadtphysikus Johannes Lonitzer auf und verliebt sich unsterblich in Lovenita. Er ist erpicht, die wahre Ursache der Krankheit herauszufinden. Wird er es schaffen, die Bevölkerung zu retten, und können er und Lovenita glücklich werden?

Beurteilung:

1596. Ein Jahr, das unter keinem guten Stern steht. Die Bevölkerung ist ausgezerrt von Pest, Missernten, Tierseuchen etc. Der perfekte Nährboden für Zwietracht und Misstrauen. Die Menschen saugen warme Worte, auf der Suche nach Trost und einem Schuldigen für ihr Leiden, auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Das perfekte Publikum für den Hassprediger Albinus Mollerus. Ein selbstverliebter, arglistiger, narzistischer Despot, der es versteht sich kunstvoll in Szene zu setzen, salbungsvolle Worte in offene Ohren zu träufeln und mit dem Versprechen um Erlösung und dass er doch vom Erzengel entsendet worden sei nicht nur zahlreiche “Jünger” um sich scharrt, sondern auch fröhlich in deren Börsen greift und sich gesund stößt. Dabei ist es nicht nur der kleine einfache Bauer, Handwerker oder Magd, die ihm zu Füßen liegen. Nein, auch Herrschaften aus den besseren Häusern…Bänker, Beamte und viele mehr.
Als dann auch noch eine arglistige Krankheit ausbricht, deren Ausbruch als Hexerei ausgelegt wird, scheint es doch nahezu perfekt, dass sich gerade eine Fahrende (Zigeunerin) in der Gegend aufhält und gerade sie doch kurz vorher noch Kontakt mit den Erkrankten hatte, ist der Fall doch klar. Sie ist eine Hexe…
Ursula Neeb erzählt mit “die Feuerheilerin” eine interessante Geschichte über das Leben im Jahre 1596, gewehrt Einblicke in das Leben der Zigeuner und das einfache Volk, wie man mit Depressionen und geistigen Leiden verfuhr und vielem mehr. Sie zeigt sehr anschaulich, was geschieht, wenn Böswilligkeit auf ausgedörrten Boden trifft, und das es seit jeher in der Natur des Menschen lag, in seiner Not und Unmut einen Schuldigen zu suchen – was im schlimmsten Fall in Kreuzzügen ausartete.
Eine Geschichte um Hexenprozesse, Hassprediger, die frühen Zeiten der Frankfurter Buchmesse, Anfänge der Medizin und Wissenschaft; gespickt mit ein bisschen übersinnliches Talent.
Wirklich interessant, und wenn man gewisse Hürden überwunden hat auch durch die Seiten fliegen lässt.
Allerdings erschloss sich mir der zeitliche Ablauf nicht so recht. Natürlich gibt die Autorin Zeiträume an in denen die Handlung spielt, aber diese knappen 2 Wochen wirken mir doch etwas sehr kurz für Seuche, Heilung, Hexenverfolgung, Hexenprozesse und und und.
Auch wirkte die emotionale Ebene zwischen Albinius und seiner Tochter etwas überzogen. Denn nichts für ungut, das Mädchen ist 15, aufgewachsen in dem Wissen, dass ihr Vater tot sei – warum also glaubt sie einem dahergelaufenen Fremden, der zwar mit seidiger Zunge daherreden kann, dass dieser ihr Vater ist? Und das innerhalb von fünf Minuten?
Auch lenkten diverse Rückblenden in das frühe Zigeunerleben Lovenitas zuweilen etwas von der Grundhandlung ab und ich verstand nicht so recht, was damit bezweckt werden sollte.
Schlussendlich alles in allem, ein spannender Roman, mit Geschichte, Lerneffekt und Flair, der zu unterhalten weiß, wenn man die Ungereimheiten übersieht.
Von mir gibt es hier 3,5 von 5 Sterne
#73/2017

***Werbeblock***
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Ullstein Taschenbuch
13. Januar 2017
ISBN-10: 3548288561
ISBN-13: 978-3548288567
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